Immer. Wieder. Der Kragen, Teil 1

Ich kann mich noch gut an meinen ersten Versuch erinnern, einen Kragen zu nähen. Ich hatte es geschafft, den Kragen irgendwie an die Jacke zu nähen, und auf den ersten Blick sah das auch ganz gut aus.
Aber trotzdem: Irgendwas konnte nicht stimmen, weil ich (unter anderem) den rückwärtigen Beleg gar nicht mit verarbeitet habe. Und zwar nicht "aus Versehen", sondern mit purer Absicht. Ich konnte mit dem Teil so gar nichts anfangen, und habe es dann einfach weggelassen. Ich meine, es wurden ja schon Autos auseinandergeschraubt, wieder zusammengesetzt und obwohl ein paar Schrauben übrig blieben, fuhr der Wagen trotzdem. Warum kann das also auch nicht so bei mir sein?

Natürlich kann das beim Nähen nicht so sein. Auch wenn ich es nicht glauben kann, aber alle Teile haben ihre Daseinsberechtigung. Inzwischen kenne ich auch die des rückwärtigen Belegs, verarbeite ihn entsprechend, aber irgendwas läuft beim Kragen immer schief. Das scheint ein Gesetz, eine Art Fluch zu sein.

Ich zeige Euch jetzt, wie es NICHT geht. Wie man einen Kragen ganz schnell ganz falsch zusammennähen kann. Aufgemerkt.

Die Ausgangsposition ist folgende:


An den Vorder- und Rückenteile sind Schulter- und Seitennähte geschlossen. Den Beleg anzunähen war sehr kniffelig, weil 1.) recht kleine Teile für meine ungelenkigen Wurstfingern und 2.) die zu nähende Strecke nicht gerade, sondern leicht gebogen ist.


Zu den Ecken, wie was wo eingeschnitten werden muss, habe ich hier schon einen Post geschrieben. Bei der Jacke wird mit den Belegen genauso verfahren.

Also, weiter im Text.
Vorder- und Rückenteile sind fertig, auch an den Besätzen sind die Schulternähte geschlossen.


Dieses Teil (mit dem rückwärtigen Beleg, wohlgemerkt!) wird jetzt rechts auf rechts auf die Jacke gesteckt. Die Schulternähte treffen aufeinander, genäht wird ab dem Querstrich entlang den vorderen Kanten bis runter.


Es ist wichtig, genau an dem Punkt 5 (Querstrich) mit dem Nähen anzufangen. Nicht 3 mm davor, und nicht 4 mm dahinter.

Danach hänge ich die Jacke auf die Püppi, jetzt gehts an den Kragen.

Kragen und Steg werden jeweils zweimal zugeschnitten. Ich habe darauf geachtet, dass der Oberkragen einen Hauch größer ist, als der Unterkragen. Und ich habe mir die Kragenteile markiert, damit ich das nicht wieder wieder verwechsele.

Zuerst wird der Steg an den Kragen gesteppt. Auch das habe ich schon falsch zusammengenäht, daher lobe ich mir all die Markierungen bei den Schnittteilen.

   (Schwer zu erkennen, aber das jeweils eine 4)

Der Bogen sieht schlimmer aus, als er in Wirklichkeit zu nähen ist. Bei so was stecke ich immer zuerst die Endpunkte, danach die Mitte, und dann kann ich in Ruhe die verbliebene Mehrweite verteilen. 

Die Nahtzugaben werden zurückgeschnitten und auseinandergebügelt. Eigentlich wird die Naht jetzt beidseitig ganz knapp abgesteppt, aber aufgrund des farblich passenden Garns habe ich das gelassen. 


Bis hierhin ist alles richtig, aber jetzt kommt der Fehler.
Die Kragenteile werden an den Außenkanten aufeinander gesteppt. 
Heißt für mich: Die Kragenteile werden an den Außenkanten aufeinander gesteppt. Also so:


Schön von unten am Steg angefangen (ja, ich weiß, das steht nicht da, aber ist das jetzt, wo es so schön zusammengenäht ist, ein Teil, nämlich ein Kragen?), über die eben genähte Naht hinweg, weiter zur ersten Ecke, weiter zur zweiten Ecke, dann das lange Stück, bis zur anderen Ecke hin, und dann wieder runter, bis unten hin.

Die Nahtzugaben habe ich schön brav zurück- und die Ecken abgeschnitten, den Kragen gewendet und gebügelt, und mich gefreut, dass der Oberkragen tatsächlich über dem Unterkragen liegt. 

Jetzt wird der Kragen zwischen Jacke und Besatz gelegt. Der Unterkragen wird an die Jacke genäht, der Oberkragen an den rückwärtigen Besatz. Aber genau das klappt nicht, weil ich nämlich viel zu viel Kragenaußenkante aufeinander gesteppt habe. Dabei steht in der Beschreibung, man muss an den Schmalkanten genau an den Ansatzkanten beginnen und enden. Hiermit werden aber nicht die Ansatzkanten vom Steg gemeint, sondern die des Kragens. Und der wird hier angesetzt:


Muss man wissen, nä? 

Ich habe die Nähte wieder aufgetrennt, und schon fügt sich der Kragen fast von alleine zwischen Jacke und Beleg. Jetzt bin ich wieder auf dem richtigen Weg.

Im 2. Teil beschreibe ich die Schritte vom Annähen. Und ich zeige anhand meiner Ottobre-Jacke wie doof es aussehen kann, wenn der Unterkragen gleichgroß oder sogar größer als der Oberkragen ist.

Stay tuned!

Kommentare

  1. Wunderbar verständlich geschrieben, da klingelt es richtig bei mir. Danke, dass du diesen Schritt so ausführlich beschreibst und anhand von Bildern zeigst. Diesen Fehler hätte ich sicher auch gemacht, denn ich hätte die Anleitung auch so (falsch) verstanden.
    Jetzt bin ich gespannt auf Teil 2.
    LG von Susanne

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  2. Mit den Burda-Begriffen "Beleg" und "Besatz" stehe ich seit Beginn meiner Nähkarriere auf Kriegsfuss und ich bin mir nicht sicher, dass bei Burda diese Begriffe immer richtige verwendet werden - da kommt schon ganz schön Verwirrung auf. So ein Kragen kann auf verschiedene Weise genäht werden, bei Vouge und Co. würde der Kragen wohl nicht zwischengefasst sondern der Unterkragen an das Vorderteil und der Oberkragen an den Besatz genäht worden, um dann im zweiten Schritte alles an den Außenkanten zu verbinden. Das hat auch den Vorteil, dass man vorher stecken kann um den richtigen Hauch Mehrgröße für den Oberkragen hinzubekommen. Deine Beschreibung bestärkt mich darin nach englischen Schnitten zu nähen, mit ausführlichen Anleitungen und mehr Passzeichen. Bei dem Kragen zum Beispiel fehlt definitiv eine Buda-Nahtzahlwäre oder ein anderes Zeichen zur Orientierung.
    Hut ab vor Deiner Fähigkeit die kniffligen Dinge in den dürren Anleitungen zu knacken und uns hier zu zeigen! LG Kuestensocke

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    1. Beleg, Besatz - Besatz, Beleg .... Ich verstehe das auch nicht. Natürlich hatte ich Burda in Verdacht, dass die sich nicht richtig ausgedrückt haben, als in den rückwärtigen Besatz bei meinem ersten Versuch, einen Kragen zu nähen, weggelassen habe. Das schlimme ist: Je öfter ich das lese, desto mehr würfele ich die Begriffe vor meinen Augen durcheinander.
      Und: Ja! Es fehlt ein Zeichen. Es fehlt so oft ein einziges, kleines Zeichen, damit man weiß, wo man was ansetzen muss. Aber wahrscheinlich ist es für gelernte Schneiderinnen völlig logisch, dass der Kragen plötzlich um die Hälfte reduziert wird, wenn es darum geht, die Außenkanten zu steppen.
      Egal. Ich kämpfe weiter!

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  3. Deine gut nachvollziehbaren Anleitungen sind für mich Wiedereinsteigerin in Klamottennähen für mich und nicht für die Enkelkinder, wo manches auch so Py-x-Daumen geht, eine große Hilfe.

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