Vom Master of Desaster zum Master-Piece, Teil 1

Wir haben den 21. August und ich kann die Tage, bis wir in den Urlaub fahren, schon fast an zwei Händen abzählen. Und ich komme sehr gut mit meinem August-Schnitt voran, obwohl ich nochmal von vorne anfangen musste, nachdem ich mit dem Kleid schon ziemlich weit war.

Ich habe mir den Schnitt 119 rausgesucht - das Master-Piece.
Volle Punktzahl bei den Schwierigkeitsstufen.


Ein Punkt geht schonmal für die Zeit drauf, die es dauert, bis alle Schnittteile abgepaust und zugeschnitten sind. Auf alle Vieren bin ich rumgekrochen, und es fühlt sich wirklich wie eine halbe Ewigkeit an, bis man für´s Nähen startklar ist.

Ich hatte ursprünglich einen türkisfarbenen Viskosejersey gewählt, und deswegen auch das Kleid eine Nummer kleiner zugeschnitten. Auch auf den Reißverschluss hätte ich dann verzichtet; ich wollte halt irgendwie ein schönes lockeres Urlaubskleidchen daraus machen, und habe deswegen die Stoffempfehlung der Burda außer Acht gelassen. Manchmal geht das, manchmal leider nicht.

Bei dem Kleid geht es nicht.

Der Schnitt hat an der Vorderseite praktisch von oben bis unten einen Umbruch, und das ist mit Jersey - oder auch jedem anderen Stoff OHNE Stand - nicht möglich. Das habe ich einfach nicht bedacht. So musste ich mich schweren Herzens von meiner Vorstellung trennen, Ton in Ton mit der Adria zu sein.

Alles wieder auf Null, runter auf die Knie, und zuschneiden.


Diesmal mit festem Stoff. Blöd für mich, gut für Euch, denn beim zweiten Durchgang habe ich ein paar Fotos geschossen, und kann Euch jetzt zeigen, wie das DreipluseinenPunktwegenderZeit-Masterpiece genäht wird.

Der Riegel - das ist das Band, welches scheinbar das Kleid auf eine Seite zieht - wird genäht, eingereiht, zwischen die beiden Dreiecke gelegt und dann festgesteppt.

 
Das ganze sieht ein bisschen aus wie ein Fisch.

Jetzt kommt etwas, womit ich überhaupt nichts anfangen konnte, und was ich auch deswegen nicht gemacht habe. In der Anleitung steht, man soll "die Falten von innen, jeweils von der unteren Kante bis zum Pfeilzeichen zusteppen". Erst danach werden die Falten in Pfeilrichtung eingelegt und an der oberen Kante fixiert.

Es hätte für mich Sinn gemacht, wenn man erst die Falten einlegt und dann irgendwie zusteppt, damit sie nicht aufspringen und man das Kleid ein bisschen besser händeln kann, aber was soll ich denn da bitteschön zusteppen? Ich habe es nicht verstanden und deswegen erstmal weggelassen und direkt mit dem Einlegen der Falten am rechten Vorder- und Rockteil weitergemacht.

Diese beiden rechten Teile werden dann von der Nahtzahl 1 bis zur seitlichen Umbruchlinie gesteppt.
Es gibt zwei Umbruchlinien, und die erste, über die man stolpert, ist offensichtlich die vordere Umbruchlinie - die ist auf alle Fälle nicht gemeint. Es wird gesteppt, über die gelegten Falten hinweg, bis zu den langen Zippeln.

Und dann muss eingeschnitten werden, damit man diese langen Zippeln auch richtig umlegen kann.

Die andere Hälfte ist relativ unspektakulär: Die Falten am linken Vorder- und Rockteil werden eingelegt und dann wird einmal komplett durchgesteppt. Das sieht dann so aus:



Ich habe mit der Ovi versäubert, aber dabei nichts abgeschnitten, sondern immer schön die NZ auseinander gebügelt. Überhaupt habe ich so viel wie möglich versäubert, weil
a) der Stoff ausfranselt und
b) das Kleid nicht gefüttert wird. Inzwischen bin ich ja so pingelig, und achte darauf.


Die linke vordere Hälfte ist erstmal fertig, es geht mit der rechten Hälfte weiter, die jetzt auf den Fisch trifft. Dazu werden die Kanten an den Umbruchlinien eingeschlagen....

 
... und der Fisch wird in diesen Ausschnitt gelegt.


Er wird am Maul gepackt und bis zu den Spitzen der Zippeln gezogen - die Kanten liegen alle rechts auf recht und werden festgesteppt.


Diese offene Stelle, auf die man jetzt blickt, habe ich im Nachgang auch noch zugesteppt. Ich habe zwar in der Anleitung nichts dazu gelesen, und wahrscheinlich muss man es auch nicht tun, aber ich wollte auf Nummer sicher gehen.


Nachdem ich dieses Foto gemacht habe, habe ich die Spitze vom Fisch doch noch mit Handnähten festgenäht, damit mir das Ding am Ende nicht verrutscht.

Das war eigentlich schon das komplizierteste an der ganzen Geschichte.
Von rechts sieht es so aus:



Das rechte Vorderteil wird nun an den Umbruchlinien (über die wir vorhin drübergenäht haben) nach innen gelegt. Jetzt kommt das linke Vorderteil wieder ins Spiel: Das rechte Vorderteil wird über das linke Vorderteil gelegt, dabei gucken beide rechte Seiten nach oben, die linken Seiten liegen auf dem Tisch. Der Umbruch vom rechten Teil trifft an den Anstoß beim linken Teil, und wenn man beide Teile jetzt genau so rumdreht, liegen innen die Kanten genau aufeinander - und das wird jetzt festgesteppt.

Bis dahin war ich übrigens auch mit meinem Jerseykleid. Als ich dann gemerkt habe, dass vorne ein wirklich langer und breiter Umbruch ist, habe ich Kopf und Schulter hängen lassen, weil mir bewusst wurde, dass das mit Jersey einfach nicht geht.

Aber mit dem anderen Stoff geht es, und zwar hervorragend.
Ich hatte nur noch eine Sorge: Wird es mir passen????

Für das Jerseykleid hatte ich den Schnitt in 36 abgenommen - und ehrlich gesagt war ich schlichtweg zu faul, das ganze nochmal in 38 für die Baumwolle abzuzeichnen. Also dachte ich mir, dass ich auf alle Fälle an den Seitennähten und ggf. auch hinten am Reißverschluss meine Nahtzugabe nutze, um mir ein bisschen mehr Platz in dem Kleid zu verschaffen.

Ich war so neugierig, ob ich da reinkomme!!


Die Rückenteile und Schulternähte sind gesteppt, die Seitennähte habe ich erstmal gesteckt und dann war es endlich so weit. Die erste Anprobe - ohne Luft anhalten und Bauch einziehen.


Es passt in der Taille hervorragend, aber an der Hüfte ist es zu eng. Das sieht man von vorne jetzt nicht, aber hinten schafft es das Kleid nicht so ganz über meinen Hintern. Darum muss ich später beim Steppen der Seitennähte unterhalb des Fisches wirklich die NZ komplett auslassen. Es ist wirklich ne knappe Kiste, aber ich bekomme es hin.

Es sind also jetzt nur noch Kleinigkeiten: Ich muss Hals- und Armausschnitte versäubern und mich mit meinem Mann auf eine Rocklänge einigen (er findet diese Länge, die so über das Knie geht, "rattenscharf", aber ich bin da strikt dagegen), und dann habe ich tatsächlich noch ein Kleid für den Urlaub. Zwar nicht gerade für den Strand, aber vielleicht gehen wir abends ja mal nett essen ;)

Kommentare:

  1. Wow, das sieht aber schon sehr edel aus. Deine Erfahrung mit der Passform deckt sich ja schon ein bisschen mit den Vermutungen, die durchs Netz schwirren, dass Burda seine Maße angepasst hat. Sprich: Die Kleider sind insgesamt eher schmaler geworden. Aber ich denke, du wirst das schon schön anpassen und hast dann wirklich ein "rattenscharfes" Teil. LG Carola

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    1. Das Kleid KANN mir an der Hüfte gar nicht passen, das wäre ein Wunder. Ich habe es in 36 zugeschnitten. In der Taille kommt das hin, aber um die Hüfte brauche ich mindestens eine 38. Ich kann das also nicht bestätigen, was da im Netz die Runde macht. Auch wenn ich die Maßtabellen vergleiche - da hat sich nichts geändert. Vielleicht sind die Kleider einfach nicht mehr so sackförmig?

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    2. OK, ich habe länger keine Röcke/Hosen mehr nach Burda genäht und konnte es bisher auch noch nicht überprüfen. Ich bin gespannt auf das fertige Kleid. LG Carola

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  2. Tolles Kleid! Herzlichen Dank fürs Ausprobieren des Schnittes und vor allem für die Dokumentation der Arbeitsschritte. LG, Manuela

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    1. Sehr gerne! Mir macht das auch richtig Spaß :)

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  3. Sorry, bei deinem letzten Satz hab ich jetzt echt schmunzeln müssen.... knappes Teil und Du denkst an Essen???? Na auf alle Fälle sieht es total schön aus und so kompliziert, da bewundere ich Dich echt.
    Liebe Grüße Jacky

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    1. :)))) Ja, du hast Recht, aber ich denke immerzu an Essen. Aber bevor ich darauf verzichte, nähe ich lieber am Rande der Nahtzugabe.

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  4. Oh, Sandra, das wird ein richtig tolles Kleid; edel und mit Raffinesse. Gefällt mir total gut und du kriegst das schon passend für die Hüfte, : ).
    LG von Susanne

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    1. Danke :)) Ich gebe mir auf alle Fälle große Mühe, dass ich das Kleid am Ende tragen kann.

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  5. Das wird ganz großartig. Danke für die Bilder. Gruß Mema

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  6. boah ist das ein geiles Kleid. Auch bürotauglich. Das muss ich mir wohl auch mal nähen.... WOOOOWWWW.....und mit der Dokumentation der Arbeitsschritte ist es für mich jetzt bestimmt einen Schwierigkeitsgrad niedriger ;-)

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    1. Ja, bürotauglich ist es auf alle Fälle. Versuche es einfach mal, ich hatte es mir auch viiieeel schwieriger vorgestellt.

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  7. Sandraaaa,
    es ist jetzt schon WOW! ganz erlich, ich hatte echt schnappatmung! das ist das schönste, was du bisher gemacht hast!

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    1. Vielen, vielen Dank! :)))) Über diesen Kommentar freue ich mich wirklich besonders :))

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  8. Wow, ein tolles Kleid und ich bin gespannt wie es nach deinen Anpassungen aussieht.
    Dein Modell gefällt mir viel besser als das Modell in der Burda, es ist jetzt schon richtig klasse.

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  9. Das sieht einfach toll aus - und eine interessante Konstruktion. Schön, dass Burda auch mal solche anspruchsvollen Schnitte hat. Danke fürs Dokumentieren. Ich finde die Länge so ja ehrlich gesagt auch sehr gut, das ist einfach elegant (aber vielleicht etwas ungewohnt).

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    1. Vielen Dank! Ja, die Konstruktion ist wirklich interessant. Mal was ganz anderes. Mit der Länge könnte ich mich sogar anfreunden, wenn ich nur die Breite hinbekommen würde :( Gestern abend hätte ich das Kleid am liebsten in die Ecke gefeuert - irgendwas passt mit dem Reißverschluß nicht.

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  10. Wow, mir fehlen fast die Worte, wie du da im fast fertigen Kleid stehst, einfach wahnsinnig schön. Auch bewundere ich deine Motivation, ein 2. Mal alles zuschneiden, gratuliere dir für alles, die Leistung, das Ergebnis und das durchhalten auf den Knien. Es hat sich 100 pro gelohnt. Viel Spass beim tragen....

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  11. Sehr interessant, vielen Dank für die gute Beschreibung!
    Die Länge finde ich perfekt.
    Viele Grüße!

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  12. Wow, das ist wirklich aufregend - also sowohl das Kleid als auch der Erstellungprozess! Ich bin sicher, dass es Dir gelingt :)

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Vielen Dank für Deinen Kommentar. Ich freue mich sehr darüber!